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Bindung entsteht nicht nur durch das Stillen: Wie Eltern und Bezugspersonen eine enge Beziehung zum Kind aufbauen können

Aktualisiert: 20. Feb.


Rund um das Stillen entstehen immer wieder Unsicherheiten-besonders bei Elternteilen oder Bezugspersonen, die nicht stillen können oder nicht stillen möchten. Häufig taucht dabei die Sorge auf ,dass ohne Stillen keine gleichwertige Bindung zum Kind entstehen könne oder dass die Beziehung weniger eng wird als die zur stillenden Person.


Dabei wissen wir heute sehr sicher: Stillen ist nicht die Vorraussetzung für Bindung. So wie übrigens "Frau" sein auch nicht die Vorraussetzung für Bindung ist.


Bindung ist mehr als Ernährung


Bindung ensteht nicht allein durch das Stillen, sondern vor allem durch Nähe,Fürsorge, Zuwendung und gemeinsame Zeit. Dazu gehört es unter anderem auch kleine und größere Krisen gemeinsam zu bewältigen und nicht nur die schönen gemeinsamen Momente zu erleben.

Auch nicht stillende Bezugspersonen, die sich liebevoll um ein Baby/Kind kümmern, es tragen, beruhigen, pflegen und im Alltag präsent sind, erleben eine ebenso hohe Ausschüttung an Oxytocin -dem sogenannten Bindungshormon- wie stillende Elternteile.


Das bedeutet: Wer sich feinfühlig und verlässlich um ein Kind kümmert, kann eine genauso stabile und sichere Bindung aufbauen.


Der entscheidende Faktor ist Zeit


Ein großes Thema in vielen Familien ist weniger das Stillen selbst, sondern die ungleiche Verteilung von Zeit. Häufig verbringen stillende Bezugspersonen gerade in den ersten Lebensmonaten automatisch mehr Zeit mit dem Baby -oft nicht, weil andere es nicht wollen,

sondern, weil äußere Umstände es erschweren.


Viele nicht stillende Elternteile oder Bezugspersonen haben nicht die Möglichkeit, lange zuhause zu bleiben. Gründe dafür können finanzielle Aspekte, berufliche Verpflichtungen oder das Gefühl sein, die Familie versorgen zu müssen (alte Rollenbilder die viele von uns noch in sich tragen, bewusst oder unbewusst).


Dadurch entsteht ein zeitlicher Abstand, der den Bindungsaufbau erschweren kann.


Unterstützung schafft Verbindung


Wenn eine Bezugsperson während der Stillzeit unterstützt, Aufgaben im Alltag übernimmt und sich aktiv in die Versorgung des Babys einbringt, gibt es meist kaum einen Unterschied im Bindungsaufbau und spätestens nach der Stillzeit ist das Bindungsverhalten zu beiden Elternteilen kaum mehr zu unterscheiden.


Kinder binden sich nicht an eine bestimmte Ernährungsform-sie binden sich an Menschen.


Tragen,Wickeln, Kuscheln ,Einschlafbegleitung ,gemeinsames Spielen, beruhigende Nähe:

All das sind zentrale Wege, um Beziehung zu gestalten.


Ein Blick auf die Begleitung von Familien durch Fachpersonal


In der frühen Begleitung von Familien - auch im Gesundheitswesen - lag der Fokus über viele Jahrzehnte fast ausschließlich auf der stillenden Person und dem Baby.

Andere Bezugspersonen wurden oft wenig angesprochen oder nicht ausreichend einbezogen.

Heute wird uns immer bewusster, wie wichtig es ist, alle Elternteile und Bezugspersonen mitzudenken, zu stärken und aktiv mit einzubeziehen. Bindung entsteht in der gesamten Familie und es ist ein wichtiger Schritt, den Blick zu erweitern.


Wenn Verletzungen zu Vorwürfen werden


Manchmal entsteht rückblickend der Eindruck, dass die stillende Bezugsperson eine engere Bindung zum Kind hat aufgrund des Stillens. Das kann schmerzhaft sein und Gefühle auslösen wie Traurigkeit, Wut oder Enttäuschung.


In solchen Situationen kann es passieren, das Stillen im Nachihnein verurteilt und für die eigene Distanz verantwortlich gemacht wird. Oft steckt dahinter keine echte Kritik, sondern das Gefühl, nicht genug getan zu haben oder vom Kind weniger gebraucht zu werden.

Nicht genug zu sein.


Doch Vorwürfe - gegen sich selbst oder andere - helfen nicht weiter. Im Gegenteil.


Der Blick nach vorn ist entscheidend


Die Forschung zeigt klar: Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfe führen selten zu einer positiven Veränderung.

Sie blockieren eher, als dass sie Bindung fördern.


Hilfreicher ist es, die aktuelle Situation anzuerkennen und hinziuschauen:


Was kann heute anders werden?

Welche Möglichkeiten gibt es, Nähe und Beziehung jetzt zu stärken?


Bindung ist nichts , das nur in den ersten Monaten entsteht. Beziehung kann immer aufgebaut und vertieft und auch nachgeholt werden - durch Reflexion, ehrliche Gespräche und emotionale Offenheit. (Buchempfehlung: "Verletzlichkeit macht stark." - Brené Brown)


Bindung entsteht durch Präsenz, nicht durch Perfektion


Eine sichere Bindung entsteht nicht durch eine einzelne Handlung, sondern durch wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit, Wärme und echter Zuwendung.


Nicht Stillen schafft Bindung - sondern Beziehung.


Und es ist immer möglich, neue Wege zu finden, um diese Beziehung zu stärken: heute, im Alltag, Schritt für Schritt.




Ein ermutigender Abschluss aus Hebammensicht


Als Hebamme ist es mir ein großes Anliegen, Familien in dieser sensiblen Anfangszeit nicht nur rund um das Stillen zu begleiten, sondern auch den Blick auf Bindung insgesamt zu weiten. Babys brauchen nicht "die eine perfekte Bezugsperson", sondern verlässliche Menschen, die sich liebevoll kümmern, präsent sind und eine Beziehung anbieten.


Stillen kann ein Teil davon sein - aber Bindung entsteht vor allem durch Nähe, Alltag, gemeinsame Momente und das Gefühl: Ich bin Dir wichtig und Du bist für mich da.


Deshalb möchte ich alle Elternteile und Bezugspersonen ermutigen, ihren eigenen Weg in die Beziehung zum Kind zu finden. Es ist fast nie zu spät, Bindung zu stärken. Und oft beginnt sie genau dort, wo wir uns gegenseitig unterstützen, Unsicherheiten aussprechen und gemeinsam wachsen.


​​


Entwicklung braucht keine Perfektion



Wir können uns sicher sein: Niemand möchte absichtlich die Beziehung oder Bindung zum eigenen Kind gefährden. Eltern und Bezugspersonen handeln fast immer aus einer guten Absicht heraus – auch wenn äußere Umstände, eigene Prägungen oder persönliche Themen manchmal dazu führen, dass Nähe nicht so entstehen kann, wie es eigentlich gewünscht wäre.


Entwicklung findet immer statt. Und sie gelingt oft schneller, wenn wir bereit sind, uns einzugestehen, dass niemand perfekt ist. Dass Fehler passieren dürfen. Dass wir verletzlich sein können.


Denn Bindung wächst nicht durch ständiges Grübeln darüber, was früher vielleicht nicht gut gelungen ist oder wer etwas „falsch“ gemacht hat. Sie wächst dort, wo Reflexion möglich wird, wo Verständnis entsteht und wo Menschen sich wieder annähern dürfen.


So wird Beziehung wieder leichter. Und das Familienleben oft entspannter und liebevoller.



Veränderung beginnt oft bei uns selbst



Ein wichtiger Punkt ist auch: Wenn wir darauf warten, dass die andere Person zuerst mit Schuldzuweisungen aufhört, bleiben wir oft lange in festgefahrenen Dynamiken stecken.


Manchmal ist der einfachste und wirkungsvollste Schritt, selbst damit aufzuhören.


Denn wir können nur uns selbst verändern – und genau darin liegt eine große Chance. Wenn Vorwürfe weniger werden, entsteht häufig ein neuer Raum: ein offenerer, wertfreierer Umgang miteinander. Die andere Person muss sich nicht mehr ständig verteidigen und kann eher wieder in Kontakt kommen.


Denn solange Menschen sich angegriffen fühlen, reagieren sie oft mit Rückzug oder Verteidigung – eine verständliche Strategie, auch wenn sie selten hilfreich für Beziehung ist.


Bindung und Nähe wachsen meist dort, wo jemand den ersten Schritt macht: weg von Schuld, hin zu Verständnis. Hin zu der Frage: Wie können wir gemeinsam Lösungen finden?


Verletzlichkeit ist dabei ein entscheidender Schlüssel. Es braucht Mut, Gefühle auszusprechen, Unsicherheiten zu zeigen und auch „unangenehme“ Emotionen zu benennen. Doch genau dadurch entsteht echte Verbindung.


 
 
 

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